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Bist Du gestört oder hast Du eine Kompetenz?

Meine psychotherapeutische Ausbildung begann mit dem Heilpraktiker für Psychotherapie. Der Hauptjob in der Ausbildung war es, mich mit den Störungsbildern des ICD-10 vertraut zu machen. Ob eine Depression leicht, mittelgradig oder schwer ist. Was eine Bulimie von einer Magersucht unterscheidet. Wie man eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Naturgemäß war der Blick auf die Störung gerichtet. Etwas, das Leid verursacht und dass sich eben im Erscheinungsbild von den „Normalen“ unterscheidet. Schnell wurde aber auch klar, dass es „das“ Normal nicht gibt und das Störungen im Kontext irgendwie Sinn ergeben können.

 

In meiner darauffolgenden zweieinhalbjährigen Ausbildung zur Essentiellen (Buddhistischen) Psychotherapie stand aber eher der Lösungsversuch des individuellen Menschen im Vordergrund. Wir waren eingeladen, es weniger als Störung zu betrachten, sondern als intelligente Lösungsstrategie des jeweiligen Menschen, sich an die Bedingungen seines bisherigen Lebens anzupassen.  Diese Art, die Verhaltensweisen zu betrachten, verändert vieles bis alles. Es wird in keiner Weise negiert, dass es „stört“ und Leid verursacht, aber es nicht als „falsch“, sondern eher als eine fehlgeleitete Lösung zu sehen, bringt ganz viel Wertschätzung ins Spiel. „Du“ „bist“ nicht gestört, es ist nichts falsch mit „Dir“. Du hast eine Lösung „geschaffen“, die Dich jetzt stört. Wenn Du verstehst, was Du versucht hast zu lösen, kannst Du vielleicht neue Lösungen erschaffen. Es ist die grundsätzliche Annahme, dass in jedem von uns etwas grundlegend gesund ist.

 

In meiner Arbeit mit den Menschen spüre ich oft, dass diese Grundannahme neu ist. In der östlichen Welt schaut man generell systemischer auf Störungsbilder. Man geht davon aus, dass die Energie fließen will und auch kann und dass die Störung ein Signal ist, dass sie gerade keine guten Bedingungen hat, um zu fließen. Also versucht man neue Bedingungen zu schaffen. Man setzt auf die Intelligenz des Körper-und-Geist-Systems und geht davon aus, dass die Störung etwas zeigen will.

 

In unserer westlichen Medizin stellt man Störungen fest. Man diagnostiziert ein Ungleichgewicht im Gehirnstoffwechsel und geht davon aus, dass man die Bedingungen im Gehirn durch externe Zufuhr von Medikamenten wieder „normal“ stellen muss. Man operiert das Karpaltunnelsyndrom im Handgelenk, um die Enge im Gelenk zu erweitern. Man gibt Blutdrucksenker, um den Blutdruck wieder in einen definierten Normbereich zu bringen. In meiner Erfahrung gibt es sehr wohl gute Ärzte, die auch auf die Bedingungen hinweisen. Die beraten wollen und mitteilen, dass es vielleicht besser wäre, zu schauen, warum es so ist. Doch rein kulturell haben wir einen anderen Weg eingeschlagen. Und das, obwohl die Druiden (unsere Art von frühen Schamanen) auch schon mit den Krankheiten als „Wesenheit“ gesprochen haben und sie gefragt haben, was sie wollen und brauchen. Das ist nur leider in Vergessenheit geraten.

 

Bitte verstehe mich nicht falsch: ich bin froh und dankbar für unsere medizinischen Möglichkeiten. Mir geht es in dem Beitrag aber um den Blick auf das Problem. Sehe ich es als Störung oder als Kompetenz?

 

Wenn Du magst, schau mal auf Dich. Vielleicht hast Du ein körperliches oder psychisches Thema… Was wäre, wenn es Ausdruck Deiner Intelligenz ist und Dich auf etwas hinweisen will und nicht etwas, dass einfach „nur“ gestört und falsch ist???

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