top of page

Sterbefasten - ein Erfahrungsbericht

Dieser Blog-Beitrag ist sehr persönlich. Dennoch scheint es mir irgendwie wichtig, darüber zu berichten, weil ich das Gefühl habe, dass wir in Deutschland eine sehr einseitige Meinung zum Thema sterben haben: nämlich es um jeden Preis zu vermeiden. Was aber, wenn ein Mensch für sich einfach abwägt und die Entscheidung trifft, dass das Leben für ihn so nicht mehr lebenswert scheint. Dafür haben wir eigentlich wenig oder nur wenig bekannte Begleitungsangebote. Und weil das Thema so sensibel ist, nimmt sich dem auch keiner an - aus Angst, sich die Finger daran zu verbrennen. Auch ich merke eine gewisse Nervosität, so etwas öffentlich zu stellen. Dennoch scheint es mir wichtig.


Anfang des Jahres (2026) hat sich mein Vater entschlossen eine OP abzulehnen und lieber zu sterben. Er war 91 Jahre alt, war sein Leben lang ein gesunder Mensch und hatte sich jahrelang um meine COPD-kranke Mutter und auch um seine 4 Jahre ältere Schwester gekümmert. Er war der, der für die anderen da war und als erst meine Mutter und dann seine Schwester gestorben war, trat in sein Leben eine gewisse Leere ein. Klar, er hatte uns (immerhin 5 Kinder), aber er betonte immer, dass ihm der Austausch mit Gleichaltrigen fehle. Als er Ende 2025 dann die Diagnose erhielt, dass er zwei größere Darm-Tumore habe und einer davon auf jeden Fall operiert werden müsse, da sonst ständige Darmverschlüsse drohen würden, hatte er die Aussicht auf eine längere Zeit der Pflege und Bettlägrigkeit. Bei einem 91jährigen erschließt es sich von selbst, dass die Gefahr, dass er sich davon niemals mehr erholen würde, entsprechend groß war. Es war also recht wahrscheinlich, dass er seine restlichen Lebensmonate mit Schmerzen verbringen würde. Er hat für sich eine sehr persönliche Entscheidung getroffen: das wollte er nicht. Er wollte dann lieber gehen. Er habe alles gesehen, ein gutes Leben gehabt und seine Aufgabe sei nun erfüllt. Wenn er nun einfach weiter machen würde (also nur die OP verweigern würde), war klar, dass er weitere Darmverschlüsse bekommen würde und diese wären sicher extrem schmerzhaft und quälend geworden. Das Sterbefasten lag also sehr nah, denn so käme keine weitere Nahrung mehr in den Darm und er würde dann bald einschlafen.


Am liebsten wäre es ihm gewesen, er hätte eine direkte Sterbehilfe erhalten können. Einfach eine Spritze und dann hätte er einschlafen können. Aber das geht nunmal bei uns in Deutschland nicht so einfach und so war dies die naheliegendste Lösung. Naheliegend dann, wenn der Entschluss zu sterben eben zementiert ist.


Meine Geschwister und ich beschlossen, diesen Prozess zu Hause zu begleiten. Etwas anderes wäre organisatorisch nicht möglich gewesen. Die Hospize sind überlastet und er hätte zum Zeitpunkt der Entscheidung eben auch noch gar nicht die Kriterien erfüllt. Doch diese Entscheidung fiel auch unabhängig davon. Es war uns allen wichtig, ihn auf diesem letzten Weg eng zu begleiten. Sogar mein Bruder aus den USA flog mit seiner Frau "nach Hause" und wir begannen die Wohnung für die Zeit der Pflege umzubauen.


Wenn man sich über das Sterbefasten informiert, bekommt man Informationen über den möglichen Ablauf, auftretende Komplikationen, aber auch Anregungen, es dem Sterbenden so einfach wie möglich zu machen. Ich kann hier die Seite https://sterbefasten.org empfehlen, falls sich jemand genauer damit befassen möchte. Und ich hatte mit PaHoRi Kontakt aufgenommen und Frau Claudia Möller stand uns während der ganzen Zeit unterstützend zur Seite. Sie empfahl mir auch direkt, mich beim Palliativ-Team Bergstraße zu melden und so hatten wir recht schnell ein kompetentes und unterstützendes Team. Für diese Unterstützung waren wir alle unendlich dankbar! Wir durften die Erfahrung machen, dass wir kompetent und menschlich unterstützt wurden.


Doch selbst hier, bei den Menschen, die sich beruflich mit dem Sterben und den unterschiedlichen Möglichkeiten befassen, merkte man hier und da, dass man mit der freien Entscheidung zu sterben, nicht immer umgehen konnte. So war es Frau Möller selbst, die eng an unserer Seite war, obwohl sie eigentlich die Koordinatorin ist. Verständlicherweise ist es im christlichen Kontext eine spezielle und auch spirituelle Frage. Darf man das? Darf man durch das bewusste Einstellen der Nahrungsaufnahme sein Sterben selbst initiieren? Ich frage mich oft an dieser Stelle, was Jesus und auch andere Vertreter verschiedener Religionen dazu gesagt hätten, wenn es damals auch schon so viele medizinische Möglichkeiten gegeben hätte, das Leben zu verlängern OHNE aber dessen Lebensqualität zu erhalten? Und ich meine das wirklich ehrlich und nicht wertend: hätten diese erleuchtenden und mitfühlenden Menschen dann immer noch so absolut gesagt, dass eine Entscheidung, eine leidverlängernde Behandlung zu erhalten, die bessere und richtigere wäre?


Selbst im Buddhismus ist Selbsttötung "nicht erlaubt". Das sage ich deshalb, weil die Buddhisten ansonsten dem Sterben aber sehr offenen und neugierig begegnen. Sie meditieren, um im Sterbeprozess einen klaren Geist zu behalten, damit sie nicht aus Angst in ein beliebiges nächstes Leben gehen müssen. Doch das Leben als größtes Geschenk zu missachten, ist auch hier ein Umstand, der Folgen haben soll auf das, was danach kommt - so wie im Christentum auch. An sich "verbieten" alle Weltreligionen die Selbsttötung und prophezeihen, dass man entsprechend im Leben danach die Konsequenzen dafür tragen müsse.


So ist für mich absolut nachvollziehbar, dass wir als christlich geprägte Kultur ein Thema mit der Selbsttötung haben. Dennoch stimmt mich die Absolutheit oft sehr traurig. Es negiert das Leid, das die Menschen dadurch erdulden müssen und ich empfinde es als so wenig mitfühlend, wenn man darauf besteht, dass dies nunmal die Aufgabe sei, die man gestellt bekommen habe. Ich denke, bei dieser Aufgabe hatten die großen spirituellen Lehrer der damaligen Zeit noch keine Ahnung davon, dass es einmal möglich sein würde, Menschen wochen- & monatelang über Schläuche und Geräte am Leben zu erhalten, obwohl der Körper lange aufgegeben hat. Es gab noch keine großen Bauch-OPs mit Stoma im Anschluss. Keine derartig wirksamen Schmerzmedikamente, die den Schmerz genauso zuverlässig ausschalten, wie die Möglichkeit, sich lebendig zu fühlen.


Mein Vater traf nun diese Entscheidung und meine Geschwister und ich mit ihm. Wir hatten aus unserer Familie keinen Wiederstand, sondern wir waren dankbar für die noch verbleibenden Tage, in denen er klar war und Zeit hatte, uns die Dinge zu sagen, die ihm noch auf dem Herzen lagen. Und auch wir konnten das tun.


Mein Vater benötigte 16 Tage. 16 Tage, in denen er nichts mehr aß und nur ganz wenig trank. Der Durst ist das Schwierigste. Es ist aber für die Dauer des Sterbeprozesses auch das Entscheidende. Denn ohne Nahrung kann ein gesunder Körper laut Angaben auf der genannten website auch noch locker ein Monat überleben. Ohne Wasser aber in der Regel nur ca. 10 Tage. Da mein Vater ansonsten gesund war und auch noch kräftig, hatte er offensichtlich einige Reserven, auf die er zurückgreifen konnte. Vielleicht benötigte er aber auch 16 Tage, weil meine Mutter 2020 ebenfalls am 16. Januar verstarb. Vielleicht öffnete sich erst an diesem Tag das Fenster in das Leben danach.


Da nicht nur ich, sondern auch meine Geschwister unmittelbar von diesem Prozess betroffen sind und ich ihre Privatsphäre wahren will, kann ich auf den Prozess, den mein Vater durchlief nur oberflächlich eingehen. Zu beginn war er sogar euphorisch. Man spürte das Fastenhoch, das viele Fastende beschreiben. Er war voller Energie und offentlichtlich auch sehr, sehr dankbar dafür, dass wir alle da waren. Er hatte ja zum Schluss nicht mehr viele Kontakte, aber die, die es gab, kamen entweder persönlich zum Abschied vorbei oder er telefonierte mit ihnen. Er scherzte mit dem Palliativ-Arzt und mochte die direkte Art von Frau Möller, die natürlich auch ihn auf die kommenden Tage vorbereitete.


Als er mit der Zeit schwächer wurde und zunehmend auf Hilfe angewiesen war, schwand diese gute Laune dann aber. Er begann zu leiden und erwähnte immer wieder, dass er am liebsten eine Spritze hätte. Es wäre ja noch eine ganze Zeit möglich gewesen, den Prozess umzukehren, aber bis zu seinem letzten wachen Moment wollte er, dass dieses Leben ein Ende nimmt. Er schwankte zu keinem Zeitpunkt. Unsere Hauptaufgabe in der Zeit war es, ihm immer wieder bei der Mundhygiene zu helfen und natürlich zunehmend auch bei der körperlichen Pflege. Und ja, auch wenn der Mensch nichts mehr isst und kaum noch trinkt, hat er noch Ausscheidungen. Wir haben gelernt, dass die Zellen natürlich nach wie vor Stoffwechselprodukte absondern, die der Körper eben abtransportieren muss.


Die letzten zwei Tage verbrachte er schlafend. Und am Morgen des 16. Januars verstarb er dann.


Wenn ich an diese 16 Tage zurückdenke, habe ich eine Vielzahl von Gefühlen und Gedanken. Und auch, wenn man mir das vielleicht nicht glaubt: ganz oben steht Dankbarkeit. Diese Zeit war unfassbar intensiv, aber wir standen sie als Familie zusammen durch. Wir waren 16 Tage in einer WG, in der sich der eine um den anderen gekümmert hat und zudem hatten wir das große Glück, Abschied nehmen zu können. Mein Vater war klar und wach und vollkommen zurechnungsfähig, als er uns alles noch einmal sagte. Und darin war sehr viel Liebe.


Da sind aber auch noch ganz andere Gefühle. Trauer, Erschöpfung, Überforderung, Fassungslosigkeit, ungläubig zu sein, spirituell gewachsen zu sein, Wut und Verlust. Wenn ich ehrlich bin, habe ich die ersten Wochen danach gar nichts (oder nur sehr wenig) gespürt. Nun, einige Monate danach, steigen wieder Szenen in mir auf und damit verbundene Gefühle und Gedanken. Er hat diese Entscheidung eben nicht nur für sich getroffen, sondern er hat ganz automatisch auch für uns andere mitentschieden. Das ist einfach so. Selbst wenn wir es zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt hätten.


Der Tod hat mich sie letzten 6 Jahre begleitet. Meine Mutter, meine Tante, beide Schwiegereltern und dann auch mein Vater. Er ist eine sehr präsente Tatsache, dessen Unausweichlichkeit in mir sehr deutlich hervortritt. Ich weiß, ich bin sterblich. Und ich weiß, meine Lieben sind sterblich. Und so traurig ich manchmal auch bin, nicht mehr fragen zu können und auch zu wissen, dass ich jetzt an der vorderen Reihe stehe, so dankbar bin ich dafür, dass ich lebendig sein darf. Mein Leben hat einen Wert. Dieser wird durch den Tod nicht geschmälert, sondern ganz im Gegenteil. Doch der Tod ist ein Teil dieses Lebens. Unvermeidlich. Ein Übergang. In buddhistischen Lehren spricht man davon, dass jeder Moment ein kleines Sterben ist. Denn er geht vorbei. Unwiederbringlich. Jede Nacht lege ich mich zum Schlafen. Und wache an einem neuen Morgen auf. Der Tag gestern ist vorbei. Unwiederbringlich.

Mein Vater hat sich frei entschieden, einzuschlafen und überzugehen. Dieses Leben ist nun vorbei. Unwiederbringlich. Doch etwas von ihm ist noch da. Er ist in meinem Herzen. Er ist in meinen Genen. Er ist lebendig und drückt sich auch durch mich und viele andere Menschen, die er in seinem Leben berührt hat, aus. So ist der Tod vielleicht doch nicht so endgültig, wie er uns manchmal scheint.




Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Zwischen den Extremem

Zwischen Vernachlässigung und Überbehütung. Zwischen Faulheit und Ehrgeiz. Zwischen Rechts und Links. Zwischen Ruhe und Aktivität. Ein Leben, zwischen zwei Polen. Ausdruck der Dualität, in der wir uns

 
 
 
"Die Grundformen der Angst" nach Fritz Riemann

Heute möchte ich gerne ein Modell vorstellen, dass ich in meiner Praxis immer mal wieder erkläre. Es ist aus dem Buch „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann (Psychoanalytiker). Er beschreibt hier,

 
 
 
Anstrengungsloses bemühen

In der letzten Yogastunde zum "Regenerativen Yoga" teilten die Teilnehmerinnen in der Gruppe, dass sie das Gefühl hätten, immer gestresst zu sein. Obwohl sie vielleicht mehr Zeit hätten (weil die Kind

 
 
 

Kommentare


bottom of page