"Die Wurzel des Leidens ist Anhaftung."Buddha
- Sabine Terhorst
- vor 2 Tagen
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Anhaftung ist ein komisches Wort. Es hat viele Spielformen. Man könnte auch sagen, die Wurzel unseres Leidens ist die Unfähigkeit, die Dinge sein zu lassen, wie sie sind. Oder auch, die *Unfähigkeit unsere Erwartungen* loszulassen.
Im *therapeutischen Kontext* spricht man häufig von *Fixierung*, was die Unfähigkeit, andere Standpunkte einzunehmen, beinhaltet. Man haftet also sozusagen an seinem Denken, seinen Weltanschauungen, seinen Vorstellungen vom ICH und wie die Welt zu sein hat. Und auch hier würde man sagen, dass es eben diese Anhaftung ist, die den Klienten/die Klientin leiden lässt.
Wir halten also an unseren Vorstellungen von etwas fest (Fixierung) und weil die Realität anders ist als unsere Vorstellung, leiden wir. 🤓
*Aber ist es denn nicht so, dass es normal ist, Erwartungen und feste Vorstellungen zu haben?*
Darf ich denn ich nicht erwarten, dass man freundlich zu mir ist? Darf ich denn von meinen Kindern nicht erwarten, dass sie auch mal etwas im Haushalt tun, ohne dass ich lange darum betteln muss? Darf ich von meinem Ehemann nicht auch mal erwarten, dass er mir mal eine Aufmerksamkeit macht, ohne dass ich Geburtstag habe? Darf ich von meinem Chef nicht auch mal erwarten, dass er nach all der Arbeit, die ich geleistet habe, etwas Wertschätzung zeigt?
Oder wenn es um das ICH geht: Muss ich denn nicht von mir erwarten, immer das Beste zu geben? Ist es nicht wichtig, dass ich selbst die Erwartungen, die ich an andere stelle, auch umsetze? Was genau wird aus mir oder macht es mit mir, wenn ich gewisse Erwartungen an mich (Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, für andere da sein, etc.) nicht erfülle?
Die Antwort ist wohl: Du darfst natürlich alles erwarten. Erwartungen sind sinnvoll und sie tatsächlich geben Sie unserem (gesellschaftlichen) Leben eine gewisse Orientierung.
Es wird potentiell dann problematisch, wenn das Leben anders verläuft, als wir es erwarten und wir an unseren alten Vorstellungen aber festhängen. Und ganz besonders groß wird der Leidensdruck dann auch noch, wenn wir diese Abweichung persönlich nehmen.
*Ein Beispiel:*
Du hast die Erwartung in Dir kultiviert, dass man freundlich zu anderen ist. Du hast vielleicht gelernt, dass man sich grüßt und dass man vielleicht auch ein paar kurze Worte wechselt, wenn man sich kennt und auf der Straße begegnet.
Das Leben schickt Dir nun aber jemanden, der Dich sieht, die Stirn runzelt und dann die Straße wechselt. Diese Person grüßt Dich nicht und läuft, ohne ein Wort zu reden auf der anderen Straßenseite an Dir vorbei.
Was würdest Du denken? Wie geht es Dir damit?
*Das Spannende an solchen Situationen ist:*
Es gibt ein beobachtbares Verhalten (Stirn runzeln und die Straßenseite wechseln) und es gibt eine Interpretation des Verhaltens. Das, was in dem Beispiel unser Leid verursacht, ist wirklich ganz oft die Interpretation des Verhaltens und nicht das Verhalten selbst. Und solange Du ganz fest an DEINE Interpretation des Verhaltens glaubst und nicht in der Lage bist, auch andere Optionen mit einzubeziehen, bist Du eben fixiert darauf. Und besonders weh tut diese Fixierung, wenn Du denkst, das Verhalten richtet sich GEGEN DICH. Gegen Deine Person. Weil Du der bist, der Du bist und die andere Person dies nicht wertschätzt, Dich nicht mag, Dir schaden will usw.
Ist das so?🤔
Würdest Du mir auf der Straße begegnen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich wie immer meine Brille nicht aufhabe und ich Dich aus einer größeren Entfernung gar nicht erkennen KANN. Würde ich also dann plötzlich die Stirn runzeln und die Straßenseite wechseln, dann vielleicht, weil mir etwas eingefallen ist und ich noch schnell woanders hin muss. Ich hätte Dich also gar nicht wahrgenommen (weil ich meine Brille nicht an hatte) und mein Verhalten hätte rein gar nichts mit meiner Wertschätzung Dir gegenüber zu tun.
Es gibt tausende Varianten, warum jemand so reagiert und so lange Du ihn nicht gefragt hast, bleibt es eine Interpretation. So lange Du an ihr festhältst, leidest Du.
Es lohnt sich also, sich immer mal wieder zu fragen: „Ist das so?“

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